Märkte der Welt

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Bis 2030 sollen 40% des Stroms aus Solar- und Windkraft kommen

Erscheinungsdatum Website: 20.01.2012 14:55:02
Erscheinungsdatum Publikation: 26.01.2012

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Algerien auf dem Weg vom Underdog zum Sonnenkönig

FRANKFURT (MdW)--Die Regierung in Algier hat eines der weltweit ambitioniertesten Programme für die Nutzung von erneuerbaren Energien aufgelegt. 55 Mrd EUR sollen bis 2030 in die Nutzung von Sonne und Wind fließen. Damit soll ihr Anteil am Energiemix von derzeit 3 auf 40% gesteigert werden. Deutsche Unternehmen gelten bei der Umsetzung dieser Ziele als bevorzugte Partner. Centrotherm setzt bereits einen Großauftrag vor Ort um.

Bislang deckt das nordafrikanische Land fast seinen gesamten Energiebedarf aus eigenen Gasvorräten. Doch dieser fossile Reichtum ist früher oder später erschöpft. ?Algerien hat erkannt, dass es in die Zukunft blicken muss. Man will nicht abhängig werden?, sagt Sarah Ruschkowski, zuständig für Umwelt- und Projektmanagement bei der Deutsch-Algerischen Außenhandelskammer (AHK) in Algier. Mit der Umsetzung des ehrgeizigen Plans steht Algerien jedoch vor einer Mammutaufgabe. Bisher ist das Land noch ein Underdog, in den kommenden 20 Jahren muss es nun eine komplette Photovoltaikindustrie, inklusive Forschungseinrichtungen und Ausbildungsstätten aus dem Boden stampfen.

Bis 2030 sollen insgesamt 65 Projekte umgesetzt werden, die meisten im Bereich Sonnenenergie. Neben 27 Photovoltaik-Anlagen (PV) und 6 solarthermischen Kraftwerke sollen auch 7 Windparks entstehen. 27 Hybridkraftwerke stehen ebenfalls auf der Agenda. Abgerundet wird der Plan mit einer Produktionsstätte für PV-Module inklusive eigener Silizium-Herstellung. Dass diese Aufgabe nicht alleine gestemmt werden kann, ist auch der Regierung klar - für ausländische Unternehmen bestehen deshalb Geschäftschancen. Zuletzt wurde der Bau von zwei Solarkraftwerken mit einer Kapazität von jeweils 150 MW ausgeschrieben. ?Mehrere deutsche Unternehmen haben sich dafür beworben und sie haben gute Chancen, dass sie für die Realisierung ausgewählt werden?, so Ruschkowski gegenüber den NfA.

Centrotherm ist schon einen Schritt weiter. Nach einer rund einjährigen Vorlaufphase hat das Unternehmen aus Blaubeuren bei Ulm im vergangenen Jahr bereits einen Auftrag für den Bau der vollintegrierten Solarmodul-Fabrik im Wert von 290 Mio EUR erhalten. Das Werk in Rouiba bei Algier wird eine jährliche Produktionskapazität von rund 120 Megawattpeak (MWp) haben. Nachdem die Planung abgeschlossen ist, beginnen in Kürze die Bauarbeiten. Laut dem Zeitplan soll die Produktion bis Ende des kommenden Jahres in Betrieb gehen und ab 2014 erste Hochleistungsmodule vom Band laufen. Die Anlage spielt eine zentrale Rolle in der EE-Strategie: Der Local Content soll ab 2014 aus dem Stand auf 60% kommen und bis 2030 auf 80% ansteigen. Entsprechend soll die Produktionskapazität der Fabrik bis dahin auf 200 MWp erhöht werden.

Wenn es nach der AHK geht, war das erst der Anfang eines wahren Auftragsfeuerwerks. ?Deutsche Unternehmen sind die bevorzugten Partner?, sagt Ruschkowski. Auf diesen Zug will auch Solarhybrid aufspringen. Der Projektentwickler und -betreiber im PV-Bereich verhandelt darüber bereits auf höchster Ebene mit dem Staatsmonopolisten und Desertec-Partner Sonelgaz. ?Bisher gab es noch gar keine Ausschreibungen im PV-Bereich, aber wenn die ersten kommen, werden wir uns auf jeden Fall beteiligen?, sagt Tom Seidensticker, Partner von Solarhybrid of North Africa. ?Die Chancen einen Auftrag zu bekommen sind sehr groß.?

Von 2021 bis 2030 sollen in Algerien jährlich 200 MW zu den bereits bestehenden 800 MW hinzukommen. Das macht summa summarum 8 GW aus Solarenergie. Insgesamt sollen bis 2030 insgesamt 22 GW aus erneuerbaren Energien erzeugt werden - die Hälfte davon aus PV. ?Das entspricht einem Auftragswert von rund 20 Mrd EUR - ein paar Prozent davon würden uns schon reichen?, so Seidensticker gegenüber den NfA.

Obwohl erste Unternehmen ihre Fühler ausgestreckt haben, ist das Land offensichtlich noch nicht voll ins Bewusstsein der krisengeplagten deutschen Solarindustrie vorgedrungen, obwohl die Bedingungen vergleichsweise ideal sind: Das Geschäftspotenzial gilt als groß, die Vorzugsbehandlung erhöht die Chancen auf Geschäftserfolge und der Staat als Investor verspricht eine solide Finanzierung. Das vielleicht wertvollste Argument ist jedoch: Deutsche Firmen müssen kaum die Billigkonkurrenz aus China fürchten.

Die Asiaten sind freilich in Algerien aktiv, aber nur vereinzelt. ?Ein Straßenprojekt wurde nicht zur Zufriedenheit der Regierung ausgeführt, daraus hat man gelernt?, sagt Ruschkowski. Bei Großprojekten setze Algier seitdem bevorzugt auf westliche Unternehmen, während chinesische Unternehmen bestenfalls nur kleine Stücke vom großen Kuchen abbekommen. Statt aus der Volksrepublik kommt die Konkurrenz in Algerien vielmehr aus Spanien und Frankreich.

Deutsche Unternehmen gelten als technologiestark, serviceorientiert und nachhaltig aufgestellt. Genau diese drei Faktoren sind es, die Algerien besonders berücksichtigt. Centrotherm macht es bereits vor: Das Unternehmen betreut das Projekt von der Planung über die bauliche Umsetzung, das Move-In bis zum Ramp-Up des Computersystems. Auch während dem Betrieb werden die Experten den Algeriern zur Seite stehen. Die Motivation für dieses Rundumsorglos-Paket ist allerdings nicht nur reiner Selbstanspruch, sondern schlichtweg Voraussetzung. ?Die Garantie- und Serviceleistungen sind spezieller und strenger als in anderen Ländern?, weiß Ruschkowsi. ?Das wird verlangt, aber natürlich nicht kostenlos.? Da Algerien ein reiches Land ist, gilt das EE-Programm unter Experten als ernsthaft und die Finanzierung als seriös.

An die Zukunft denken auch andere Mena-Staaten. Tunesien und Marokko haben bereits eigene Ideen, in erneuerbare Energie zu machen. Ein mittlerweile entbrannter Wettlauf um die avisierten Ziele zeigt, wie wichtig solche Projekte für die internationale Wahrnehmung dieser Wüstenstaaten geworden sind. Um den großen und reichen Nachbarn Algerien zu übertrumpfen, hat sich Marokko unlängst zum Ziel gesetzt, bis 2030 sogar 42% der Energiekapazitäten aus Sonne und Wind zu erzeugen.

Jens Kemle

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